Kaum eine Rebsorte hat sich in Deutschland so rasant von der Randnotiz zur Weltklasse entwickelt wie der Spätburgunder. Was noch in den 1980er Jahren als eher süßlich und blass galt, zählt heute zu den anspruchsvollsten und international respektiertesten Rotweinen des Landes.
Auf einen Blick
Spätburgunder ist die deutsche Bezeichnung für Pinot Noir und mit rund 11.600 bis 12.000 Hektar Rebfläche die wichtigste rote Rebsorte Deutschlands, was das Land nach Frankreich und den USA zum drittgrößten Pinot-Noir-Produzenten der Welt macht. Als Heimat der Pinot-Sorten gilt das Gebiet zwischen dem Genfer See und dem Rhônetal, wobei die Sorte möglicherweise bereits vor rund 2.000 Jahren kultiviert wurde. Nach Deutschland gelangte sie erstmals im Jahr 884, als Kaiser Karl III. Reben aus dem Burgund an den Bodensee bringen ließ, während der erste urkundliche Nachweis von Rotweinanbau im Rheingau aus dem Jahr 1470 stammt. Der Name Spätburgunder bezieht sich, trotz vergleichsweise früher Reife im internationalen Vergleich, auf die Abgrenzung zur noch früher reifenden Mutation Frühburgunder. Die wichtigsten deutschen Anbaugebiete sind Baden mit dem größten zusammenhängenden Bestand, das kleine, aber auf Spätburgunder spezialisierte Ahrtal sowie die Pfalz, ergänzt durch bedeutende Lagen im Rheingau rund um Assmannshausen. Favino.de führt Spätburgunder aus mehreren deutschen Spitzenlagen im Sortiment.
Herkunft und Geschichte
Die Ursprünge von Pinot Noir liegen vermutlich in dem Gebiet zwischen dem Genfer See und dem Rhônetal, wobei genetische Analysen auch den Südwesten Deutschlands als möglichen Entstehungsort in Betracht ziehen. Bereits der antike römische Schriftsteller Columella beschrieb in seinem Werk De re rustica eine Rebsorte, die dem heutigen Spätburgunder zugeordnet werden könnte. Als urkundlich gesichert gilt die Einfuhr der Rebe im Jahr 884 durch Kaiser Karl III., der Burgunderreben von Frankreich an den Bodensee bringen ließ. Von dort verbreitete sich die Sorte über die folgenden Jahrhunderte in weitere deutsche Anbaugebiete: Im Jahr 1318 wurde sie im Kloster Salem gepflanzt, 1470 folgte der erste urkundliche Nachweis im Rheingau unter dem historischen Synonym Klebrot, und im 18. Jahrhundert gelangte die Rebe schließlich aus dem Burgund an die Ahr. Der deutsche Sammelbegriff Burgunder für diese Rebenfamilie geht dabei auf eben jene wiederholten Einfuhren aus der französischen Ursprungsregion zurück. Im Burgund selbst trieb der Zisterzienserorden den Anbau maßgeblich voran, und 1395 erließ der burgundische Herzog Philipp der Kühne sogar ein Dekret, das die Ersetzung der Rebsorte Gamay durch Pinot Noir vorschrieb, um die Qualität der Weinberge zu sichern.
Charakter und typische Aromen
Spätburgunder gilt aufgrund seiner dünnen Beerenschale und der dicht wachsenden Trauben als anspruchsvolle, empfindliche Rebsorte, die sensibel auf Klima, Boden und Witterungseinflüsse reagiert und deshalb häufig als "Diva" unter den Rebsorten bezeichnet wird. Die daraus entstehenden Weine zeigen typischerweise eine intensive, leuchtend rubinrote bis ziegelrote Farbe, die deutlich heller ausfällt als bei dickschaligeren Sorten wie Cabernet Sauvignon. Charakteristisch ist ein reiches, fruchtbetontes Bouquet mit Aromen von Kirsche, Himbeere, Erdbeere und Waldbeeren, ergänzt durch erdige, würzige oder mit zunehmender Reife auch rauchige und lederartige Noten. Am Gaumen präsentiert sich Spätburgunder vollmundig, geschmeidig und elegant, getragen von feinkörnigen, gut eingebundenen Tanninen und einer meist zurückhaltenden, aber präsenten Säure. Der Alkoholgehalt bewegt sich in der Regel zwischen 12 und 14 Volumenprozent, wobei wärmere Anbauregionen wie Baden tendenziell kräftigere, konzentriertere Weine hervorbringen als kühlere Lagen. Neben der klassischen Rotweinvinifikation eignet sich die Traube zudem hervorragend für die Sekt- und Champagnerherstellung, da sie ohne Schalenkontakt vergoren auch als heller Weißherbst oder Blanc de Noir überzeugt.
Die deutschen Anbaugebiete im Überblick
Baden gilt als das wärmste deutsche Weinbaugebiet und zugleich als Hauptanbaugebiet des Spätburgunders, wo die Sorte mit rund 5.200 bis 5.500 Hektar Rebfläche etwa ein Drittel des gesamten Rebbestands ausmacht und dort besonders kräftige, körperreiche Weine hervorbringt, die stilistisch häufig als die den burgundischen Vorbildern ähnlichsten deutschen Spätburgunder gelten. Im deutlich kleineren Anbaugebiet Ahr dominiert Spätburgunder mit einem Flächenanteil von 62 bis 65 Prozent noch stärker als in Baden, wobei die steilen, schieferhaltigen Hänge des Flusstals den Weinen eine für die Rebsorte ungewöhnlich ausgeprägte Mineralität verleihen. Die Pfalz als zweitgrößtes deutsches Anbaugebiet bringt tendenziell fruchtigere, vielseitigere Spätburgunder hervor, während im Rheingau, traditionell eher als Riesling-Region bekannt, die berühmte Steillage Assmannshausener Höllenberg für einige der ausdrucksstärksten deutschen Pinots steht. Ergänzt wird dieses Bild durch Rheinhessen und Franken, wo sich in den vergangenen Jahrzehnten ebenfalls zunehmend spezialisierte Spätburgunder-Betriebe etabliert haben. Insgesamt hat sich das Geschmacksbild des deutschen Spätburgunders seit den 1980er Jahren dramatisch gewandelt, von eher süßlichen, blassen Weinen hin zu farb-, tannin- und körperreichen Rotweinen, die sich international mit den besten Burgundern messen können, ohne deren Preisniveau zu erreichen.
Spätburgunder als Sektgrundwein
Neben der klassischen Rotweinerzeugung spielt Spätburgunder in Deutschland auch eine bedeutende Rolle als Grundwein für hochwertigen Sekt, vergleichbar mit der Bedeutung von Pinot Noir in der Champagne. Dafür wird die rote Traube meist ohne Schalenkontakt als heller, weißer Most vinifiziert und anschließend traditionell versektet, oft mit langer Hefelagerung, die dem fertigen Sekt feine Brioche- und Nussnoten verleiht. Diese Vielseitigkeit, von kraftvollem Rotwein über eleganten Weißherbst bis zum anspruchsvollen Sekt, unterstreicht die besondere Stellung des Spätburgunders innerhalb der deutschen Rebsortenlandschaft.
Häufig gestellte Fragen zu Spätburgunder
Was ist der Unterschied zwischen Spätburgunder und Pinot Noir? Es handelt sich um dieselbe Rebsorte, Spätburgunder ist lediglich die deutsche Bezeichnung für die international als Pinot Noir bekannte Sorte, in Italien heißt sie zudem Pinot Nero.
Woher stammt der Name Spätburgunder? Der Name geht auf die Zugehörigkeit zur Burgunderfamilie zurück und dient zur Abgrenzung von der noch früher reifenden Mutation Frühburgunder, obwohl Pinot Noir im internationalen Vergleich eher zu den früher reifenden Sorten zählt.
Welches ist das wichtigste deutsche Anbaugebiet für Spätburgunder? Baden ist mit der größten Rebfläche das Hauptanbaugebiet, während im kleineren Ahrtal der prozentuale Flächenanteil an Spätburgunder mit rund 62 bis 65 Prozent sogar noch höher liegt.
Wie schmeckt ein typischer Spätburgunder? Typisch sind Aromen von Kirsche, Himbeere und Erdbeere, ergänzt durch erdige oder würzige Noten, bei einer hellen bis mittleren rubinroten Farbe, feinen Tanninen und moderater Säure.
Kann Spätburgunder auch als Weißwein oder Sekt ausgebaut werden? Ja, wird die rote Traube ohne Schalenkontakt vergoren, entstehen helle Weißherbste oder Blanc-de-Noir-Weine, zudem dient Spätburgunder auch als hochwertiger Grundwein für traditionell versekteten deutschen Sekt.
Warum gilt Spätburgunder als anspruchsvolle Rebsorte? Die dünne Beerenschale und die dicht wachsenden Trauben machen die Sorte empfindlich gegenüber Fäulnis und Witterungseinflüssen, weshalb sie hohe Ansprüche an Klima, Boden und die Sorgfalt des Winzers stellt.