1989 verließ ein 25-jähriger Riojaner das sichere Familienweingut seiner Eltern und zog in eine der abgelegensten, ärmsten Weinregionen Spaniens, die viele ihrer Bewohner Jahrzehnte zuvor auf der Suche nach einem leichteren Leben verlassen hatten. Heute gilt Álvaro Palacios als derjenige, der das Priorat aus seinem Dornröschenschlaf weckte, und sein Wein L'Ermita zählt zu den begehrtesten Rotweinen der Welt.
Auf einen Blick
Álvaro Palacios Muro wurde am 9. März 1964 in Alfaro in der Rioja Oriental geboren, als 7. von insgesamt 9 Kindern der Familie hinter dem renommierten Weingut Palacios Remondo, das auf eine 5 Generationen alte Weinbautradition zurückblickt. Nach seinem Önologiestudium in Bordeaux und einer prägenden Station beim legendären Pomerol-Weingut Château Pétrus, unter Jean-Pierre Moueix, zog es ihn 1989 nicht zurück in die heimische Rioja, sondern ins abgelegene katalanische Priorat, wohin ihn René Barbier, ein ehemaliger Mitarbeiter der Familie Palacios, eingeladen hatte. Gemeinsam mit Barbier, José Luis Pérez und Carles Pastrana, später ergänzt durch Daphne Glorian, gehörte Palacios zur sogenannten "Gang of Five", die das damals fast verlassene Priorat wiederbelebte. 1990 erwarb er mit Finca Dofí seinen ersten eigenen Weinberg, 1993 lokalisierte er die Parzelle, die später als L'Ermita zu einem der begehrtesten Rotweine der Welt werden sollte. Álvaro Palacios besitzt heute Weinberge im Priorat, im Bierzo, wo er gemeinsam mit seinem Neffen Ricardo Pérez Palacios das Weingut Descendientes de J. Palacios führt, sowie im heimatlichen Rioja, wo er seit 2000 das Familienweingut Palacios Remondo leitet. 2015 wurde er von Decanter zum Man of the Year gekürt, 2016 vom Institute of Masters of Wine zum Winemaker of the Year.
Vom Familienerbe zur eigenen Vision
Álvaro Palacios wuchs buchstäblich über der Bodega seines Vaters auf, im Weingut Palacios Remondo im rioanischen Alfaro, wo der Duft von Wein und Fässern seine Kindheit prägte. Statt jedoch direkt in das sichere Familienunternehmen einzusteigen, studierte er Önologie in Bordeaux und sammelte anschließend Erfahrung bei einigen der renommiertesten Weingütern der Welt, darunter das legendäre Pomerol-Château Pétrus unter der Leitung von Jean-Pierre Moueix, ergänzt durch Stationen in London, Dublin und Kalifornien. Diese Zeit bei Pétrus, wie Álvaro selbst betont, prägte einen Großteil seiner önologischen Philosophie und lehrte ihn die Bedeutung wirklich großer Weine. 1989 führte ihn seine berufliche Laufbahn zu einem Wiedersehen mit René Barbier, einem ehemaligen Mitarbeiter des Familienunternehmens der Palacios, der ihm vorschlug, sich 2 weiteren Träumern anzuschließen, José Luis Pérez und Carles Pastrana, später ergänzt durch Daphne Glorian, um gemeinsam die schlafende Schönheit des Priorat neu zu erwecken, einer einst bedeutenden vorphylloxerischen Weinregion, die zwischen dem 19. Jahrhundert mit rund 15.000 Hektar Rebfläche und den späten 1980er-Jahren fast völlig verödet war, nachdem die meisten ihrer Bewohner die Region auf der Suche nach einem leichteren Leben in den Städten verlassen hatten. 1990 erwarb Álvaro mit Finca Dofí seinen ersten eigenen Weinberg in Gratallops, ursprünglich 1,7 Hektar, bis 1996 auf 4,5 Hektar erweitert. 1993 entdeckte er schließlich jene steile, nach Nordosten ausgerichtete Parzelle auf Schieferboden, bepflanzt zwischen 1900 und 1940, die er nach einer kleinen Kapelle auf dem Hügel L'Ermita nannte, benannt für die kleine Einsiedelei, die die Anhöhe krönt. Ab 1995 begann der internationale Kritikerruhm für L'Ermita, der bis heute anhält.
Priorat: Wiederbelebung eines vergessenen Terroirs
Álvaro Palacios und seine Mitstreiter näherten sich dem Priorat von Beginn an mit äußerster Sorgfalt: Verzicht auf chemische Düngemittel, Herbizide und Pestizide sowie der Einsatz von Maultieren zur Bewirtschaftung der steilen, terrassierten Lagen. Gleichzeitig vertraute Palacios zunehmend der jahrhundertealten Weisheit der Mönche, die einst die für dieses Terroir am besten geeigneten Rebsorten ausgewählt hatten, weshalb er sich im Lauf der Jahre bewusst von internationalen Sorten abwandte und sich auf die autochthonen Trauben Garnacha und Cariñena konzentrierte. Das Priorat erlangte 2000 als erst zweite Region Spaniens nach der Rioja den katalanischen DOQ-Status, national bestätigt am 6. Juli 2009, die Anbaufläche wuchs seither von rund 600 Hektar Ende der 1980er-Jahre auf heute über 2.000 Hektar. Palacios setzte sich zudem maßgeblich für strengere Regulierungen der Region ein und für die Einführung einer hierarchischen Lagenklassifikation nach burgundischem Vorbild mit regionaler, Dorf- und Cru-Ebene, L'Ermita erhielt in dieser neuen Klassifikation mit dem Jahrgang 2017 als erster Wein den Status Gran Vinya Classificada, die höchste Stufe, vergleichbar mit einem Grand Cru. Die Parzelle umfasst heute rund 4,7 Hektar über mehrere ausgewählte alte Rebbestände.
Bierzo und Rioja: Zwei weitere Kapitel
1999 gründete Álvaro Palacios gemeinsam mit seinem Neffen Ricardo Pérez Palacios das Weingut Descendientes de J. Palacios im nordwestspanischen Bierzo, benannt zu Ehren seines Vaters José Palacios Remondo, dem Großvater von Ricardo, um die Familienlinie zu würdigen. Auch hier verfolgte er, ganz im Stil des Priorat, einen burgundisch inspirierten Ansatz mit sorgfältiger Untersuchung der einzelnen Parzellen für exquisite Einzellagenweine aus der autochthonen roten Sorte Mencía. 2000 kehrte Álvaro zudem ins heimische Alfaro zurück und übernahm die Leitung von Palacios Remondo, dem 1945 gegründeten, 100 Hektar umfassenden Familienweingut in der Rioja Oriental, wo er bewies, dass diese östliche Rioja-Zone frische, duftige Weine hervorbringen kann, indem er gezielt Höhenlagen für Garnacha erschloss und damit die Kraft des Kalksteins mit der Frische der Höhe und der Milde des mediterranen Klimas verband, ein deutlich anderer Ansatz als der zuvor in der Rioja dominierende Tempranillo-Barrique-Stil.
Die Weine
Finca Dofí und L'Ermita gelten als die beiden berühmtesten und meistgepriesenen Weine, die Álvaro Palacios im Priorat erzeugt. Finca Dofí, früher unter dem Namen Clos Dofí bekannt, entsteht ausschließlich aus Trauben von 3 besonders herausragenden Parzellen. L'Ermita, der große Kultwein, mit dem alle Weinliebhaber träumen, basiert auf Garnacha mit kleineren Anteilen Cariñena und weißen Sorten, vergoren mit ganzen Traubenbüscheln und einheimischen Hefen in Holzbottichen, gereift in großen französischen Foudres statt kleinen Barriques, ein bewusster Verzicht auf zu viel neues Holz zugunsten von Terroir-Transparenz. Als zugänglicherer, regionaler Wein ergänzt Camins del Priorat das Portfolio, während La Baixada aus alten, auf Schieferhängen in 8 Gemeinden der DOQ gepflanzten Rebstöcken entsteht. Für den Jahrgang 2023 entschied sich Palacios erstmals in der Geschichte des Anwesens, die L'Ermita-Rebstöcke wegen extremer Trockenheit behutsam zu bewässern, um Stress zu minimieren und die Balance der Trauben zu bewahren, ein seltener Bruch mit der sonst kompromisslos naturnahen Philosophie des Hauses.
Häufig gestellte Fragen zu Álvaro Palacios
Wer ist Álvaro Palacios? Álvaro Palacios ist ein spanischer Winzer, geboren 1964 in Alfaro, der seit 1989 als einer der Hauptpioniere zur Wiederbelebung des katalanischen Priorat beitrug und heute Weingüter im Priorat, Bierzo und der Rioja besitzt.
Was ist L'Ermita? L'Ermita ist der berühmteste Wein von Álvaro Palacios, ein überwiegend aus Garnacha gekelterter Priorat aus einer 1993 entdeckten, steilen Parzelle auf Schieferboden, benannt nach einer kleinen Kapelle auf dem Hügel.
Wer gehörte zur "Gang of Five" im Priorat? Neben Álvaro Palacios zählten René Barbier, José Luis Pérez, Carles Pastrana und später Daphne Glorian zu den Pionieren, die das Priorat ab 1989 gemeinsam wiederbelebten.
Welche weiteren Weingüter besitzt Álvaro Palacios? Er führt gemeinsam mit seinem Neffen Ricardo Pérez Palacios das Weingut Descendientes de J. Palacios im Bierzo und leitet seit 2000 zudem das Familienweingut Palacios Remondo in der Rioja Oriental.
Wo studierte Álvaro Palacios Önologie? Er studierte in Bordeaux und sammelte prägende Erfahrung beim Pomerol-Weingut Château Pétrus unter Jean-Pierre Moueix.
Welche Auszeichnungen erhielt Álvaro Palacios? Er wurde 2015 von Decanter zum Man of the Year gekürt und 2016 vom Institute of Masters of Wine zum Winemaker of the Year ernannt.