Im Herbst 2009 unterschrieb ein Landwirtschaftswissenschaftler aus dem Rheinland einen Notarvertrag im nördlichen Médoc, ohne selbst je ein Weingut geführt zu haben. Heute gilt Château Le Reysse als einer der bekanntesten deutschen Bordeaux-Geheimtipps, ein Wein, dem Kenner regelmäßig das Potenzial eines Grand Cru Classé attestieren, verkauft zum Bruchteil des Preises.
Auf einen Blick
Château Le Reysse ist ein 4,5 Hektar kleines Weingut im nördlichen Médoc, in der gleichnamigen Appellation AOC Médoc, zwischen den Orten Bégadan und Port-de-By, nur wenige Kilometer von der Gironde-Mündung entfernt. Der aus dem Rheinland stammende Stefan Paeffgen, ursprünglich Agrarwissenschaftler und auf einem Bauernhof zwischen Köln und Aachen aufgewachsen, unterzeichnete den Kaufvertrag im Herbst 2009 und übernahm gemeinsam mit Château Le Reysse auch das benachbarte, 22,5 Hektar große Château Lassus, das seither als Familiensitz dient. 2011 erwarb Paeffgen zusätzlich das Weingut Clos du Moulin in der Nachbargemeinde Saint-Christoly-Médoc. Der erste vollständig von ihm selbst begleitete Jahrgang war 2010, seither zählt Château Le Reysse mit einer Jahresproduktion von rund 20.000 bis 26.000 Flaschen zu den bekanntesten deutschen Erfolgsgeschichten in Bordeaux. Die Rebstöcke sind größtenteils 50 bis über 100 Jahre alt, bestockt mit überwiegend Cabernet Sauvignon und Merlot sowie einem kleinen Anteil sehr alter Cabernet-Franc-Reben.
Stefan Paeffgen: Vom Bauernhof ins Médoc
Stefan Paeffgen wuchs auf einem landwirtschaftlichen Betrieb zwischen Köln und Aachen auf, einer Region, in der die umliegenden Höfe traditionell Zuckerrüben oder Kartoffeln anbauen, weit entfernt von der Weinbautradition Frankreichs. Als jüngster Sohn der Familie, entfernt verwandt mit der bekannten Kölner Brauereifamilie, entschied er sich dennoch für einen ungewöhnlichen Weg: Er verkaufte Haus und Hof im Rheinland und ließ sich 2009 als Quereinsteiger im nördlichen Médoc nieder. Die Übernahme von Château Le Reysse fiel dabei mitten in die Assemblage-Phase des Jahrgangs 2009, sodass Paeffgen auf diesen ersten Jahrgang kaum noch stilistischen Einfluss nehmen konnte. Beim Jahrgang 2010 dagegen war er von der Lese an persönlich beteiligt, ein Wein, den er selbst später als von Komplexität und Tanninstruktur geprägt beschrieb, und mit dem er sogleich für Aufsehen in der deutschen Weinpresse sorgte. Seither hat sich die Qualität von Château Le Reysse mit bemerkenswerter Konstanz weiterentwickelt, auch in nach allgemeiner Einschätzung schwächeren Bordeaux-Jahrgängen wie 2012. Heute lebt Paeffgen mit seiner Familie auf Château Lassus und bewirtschaftet von dort aus sein kleines, aber feines Portfolio an Médoc-Weingütern.
Terroir und Rebsorten
Die Weinberge von Château Le Reysse liegen im äußersten Norden des Médoc, nahe der Appellationsgrenze zum renommierten Saint-Estèphe, auf tiefgründigen Kieslagen mit teils Ton-Kalk-Untergrund, geprägt von der Nähe zur Gironde-Mündung. Ein bordelaiser Sprichwort besagt, große Weine müssten Wasser sehen, eine Weisheit, die sich in der bevorzugten Lage der Rebflächen entlang des Flusses widerspiegelt. Etwas mehr als die Hälfte der Rebfläche ist mit Cabernet Sauvignon bestockt, der Rest überwiegend mit Merlot, ergänzt durch einen kleinen Anteil sehr alter Cabernet-Franc-Reben von über 100 Jahren, bei einem Durchschnittsalter der Gesamtanlage von rund 50 Jahren. Diese alten Rebstöcke sorgen für eine natürliche Konzentration der Trauben, ohne künstliche Ertragsreduktion. Die Bewirtschaftung erfolgt naturnah und nachhaltig, ergänzt durch extensive Viehhaltung nach biologischen Kriterien, wobei ein erheblicher Teil der Flächen zum europäischen Schutzgebietsnetz Natura 2000 zählt. Die abwechslungsreiche Flächenstruktur mit Hecken, natürlichen Wasserläufen und Grünstreifen beherbergt dabei eine für ein Weingut ungewöhnliche Artenvielfalt, mit 10 verschiedenen Orchideenarten sowie Laubfröschen, Feuersalamandern, Schildkröten, Störchen und Greifvögeln. Seit 2013 ist der Betrieb zudem für umweltfreundliches Wirtschaften nach dem Standard AREA2 zertifiziert.
Vinifikation und Charakter
Château Le Reysse wird konsequent im Stil eines klassifizierten Gewächses vinifiziert, obwohl der Wein rechtlich lediglich als einfacher AOC Médoc auf den Markt kommt. Je nach Jahrgang reift der Wein bis zu 20 bis 24 Monate in neuen Barriques aus französischer Eiche, ohne jegliche Zusätze außer der notwendigen Schwefelung, ein für die Preisklasse ungewöhnlich aufwendiges Verfahren. Das Ergebnis sind dichte, kraftvolle Weine mit ausgeprägter Tanninstruktur, geprägt von Aromen schwarzer Johannisbeere, Kirsche und Pflaume, ergänzt durch Noten von Süßholz, Kakao, Tabak und mineralischen Anklängen im Abgang. Trotz ihrer Konzentration und ihres Reifepotenzials von teils über 2 Jahrzehnten zeigen die Weine stets ein feinkörniges, gut eingebundenes Tannin sowie eine lebendige, harmonisch integrierte Säure, eine stilistische Handschrift, die internationale Sommeliers und Fachmagazine wie Falstaff regelmäßig mit Bewertungen um 92 bis 93 Punkte würdigen. Château Le Reysse gilt dabei als typischer Terroirwein des nördlichen Médoc, dessen Charakter je nach Jahrgang stärker von Cabernet Sauvignon oder von Merlot geprägt wird.
Häufig gestellte Fragen zu Château Le Reysse
Wer ist der Besitzer von Château Le Reysse? Der aus dem Rheinland stammende Agrarwissenschaftler Stefan Paeffgen erwarb das Weingut im Herbst 2009 und begleitete ab dem Jahrgang 2010 die Weinbereitung erstmals vollständig selbst.
Wo liegt das Weingut? Château Le Reysse liegt im äußersten Norden der Appellation Médoc, zwischen den Orten Bégadan und Port-de-By, nahe der Gironde-Mündung und der Grenze zu Saint-Estèphe.
Wie groß ist die Rebfläche? Das Weingut umfasst rund 4,5 Hektar, bestockt mit überwiegend Cabernet Sauvignon und Merlot sowie einem kleinen Anteil sehr alter Cabernet-Franc-Reben, mit einem Durchschnittsalter der Rebstöcke von rund 50 Jahren.
Welche weiteren Weingüter gehören Stefan Paeffgen? Neben Château Le Reysse besitzt Paeffgen das benachbarte Château Lassus, das als Familiensitz dient, sowie Clos du Moulin in Saint-Christoly-Médoc.
Wie wird Château Le Reysse ausgebaut? Der Wein reift je nach Jahrgang bis zu 20 bis 24 Monate in neuen Barriques aus französischer Eiche, ganz ohne Zusätze außer der notwendigen Schwefelung.
Ist das Weingut nachhaltig zertifiziert? Ja, seit 2013 ist Château Le Reysse für umweltfreundliches Wirtschaften nach dem Standard AREA2 zertifiziert und bewirtschaftet Teile seiner Flächen im Rahmen des Schutzgebietsnetzes Natura 2000.